„Ursache für Introvertiertheit ist Hochsensibilität“

Wenn ich sowas schon lese, werde ich sauer. Zum einen ist das Schubladendenken aller erster Güte und es ist falsch. Die Hochsensiblen, die ich kennengelernt habe, sind keine Schubladendenker. Und es gibt genügend extrovertierte Hochsensible.

Ich bin eine davon.

Hochsensibilität hat nichts damit zu tun, ob jemand introvertiert oder extrovertiert ist. Hochsensibilität ist eine angeborene Eigenschaft des Nervensystems. Wir reagieren stärker auf Reize, wir nehmen anders wahr und verarbeiten diese Wahrnehmungen anders. Introversion und Extravertiertheit sind jedoch Persönlichkeitseigenschaften. Es gibt da keinen Zusammenhang.

Wikipedia gibt einen kurzen Abriss über die Thematik der Hochsensibilität und zeigt einige (wenige) Merkmale auf:

  • ausgeprägte subtile Wahrnehmung (vielschichtige Fantasie und Gedankengänge)
  • erhöhte Schmerzempfindlichkeit
  • detailreiche Wahrnehmung
  • hohe Begeisterungsfähigkeit, sehr vielseitige Interessen
  • sehr ausgeprägtes Langzeitgedächtnis
  • psychosoziale Feinwahrnehmung (Befindlichkeiten, Stimmungen und Emotionen anderer Menschen werden leichter und detaillierter erkannt)
  • stärker beeinflussbar durch Stimmungen anderer Menschen
  • ausgeprägtes intuitives Denken
  • langer emotionaler „Nachklang“ des Erlebten
  • Denken in größeren Zusammenhängen
  • ausgeprägter Altruismus, Gerechtigkeitssinn
  • Harmoniebedürfnis, Gewissenhaftigkeit
  • Intensives Erleben von Kunst und Musik
  • Perfektionismus
  • meist vielschichtige komplexe und stabile Persönlichkeit
All das sind Dinge, die ich nur zu gut kenne. Ich denke viel über verschiedenste Dinge nach, nehme Stimmungen meiner Mitmenschen wahr und erahne meist recht schnell, was in ihnen vorgeht. Konflikte hängen mir lange nach und ich hab Schwierigkeiten damit, doofe Situationen schnell abzuhaken. Ich denke weit im Voraus, ich liebe die Musik etc.
Ich könnte hier noch ewig weitermachen. Mir geht es aber um genau einen Punkt: es gibt keinen Zusammenhang zwischen Hochsensibilität und Introversion. Das wird oft postuliert, ist aber falsch.
Ich hab auch meine Momente, in denen ich einfach mal meine Ruhe brauche, um wieder zu mir zurück zu finden. Und das, obwohl ich extrovertiert bin. Mit allen Ausprägungen.
Ich weiß eben auch, dass es mir nicht gut geht, wenn ich mit zu vielen Dingen gleichzeitig zu tun habe (ob nun gedanklich oder weil zu viele Leute auf einmal was von mir wollen). Ich bin dann auch überfordert. Und ich weiß, wie ich reagiere, wenn ich überfordert bin.
Ich mag dieses Schubladendenken derjenigen nicht, die meinen, ihre Introversion mit Hochsensibilität gleichzusetzen. Introversion ist halt was anderes.
Noch eine Kleinigkeit dazu: Ich hab gut gelernt, mit meiner Hochsensibilität zu leben. Ich bin manches Mal überfordert und ich fange dann an zu meckern und zu schimpfen. Das ist dann mein Ventil, um den Druck, der in solchen Momenten auf mir lastet, loszuwerden. Und ja, manchmal ist das anstrengend. Ich mag mich in solchen Momenten selbst nicht. Dieses Gemeckere kommt meistens dann, wenn ich grade keine Möglichkeit habe, mich zurückzuziehen und runterzukommen.
Aber trotz dieser negativen Seite möchte ich meine Hochsensibilität nicht missen. Ich kriege dadurch schnell einen Draht zu Leuten, merke schnell, wenn irgendwo irgendwas hakt. Und ich lasse mich durch die Stimmung, die so mancher Mitmensch ausstrahlt, anstecken. Das sind Dinge, die ich nicht missen möchte. Und all das trotz Extroversion.
Category: Erlebnisse
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2 Responses
  1. Sehr schöner Artikel, danke … 🙂
    Auch wenn ich mich eher zu den introvertierten HSP zähle. 🙂

    Was mich etwas überrascht in der Aufzählung der Eigenschaften ist die "stabile Persönlichkeit". Das halte ich für eine Eigenschaft, die unabhängig von HSP ist.
    Oder auch: Wenn die Person eher dazu neigt, ihr HSP-Sein zu ignorieren und zu unterdrücken, kann da sehr leicht eine sehr instabile Persönlichkeit entstehen.

  2. Arienna says:

    Sehr gern geschehen.
    Ja, die stabile Persönlichkeit hat in erster Linie nichts mit HSP zu tun, allerdings sehe ich das wie Du. Wer seine Hochsensibilität verdrängt oder verleugnet, ist irgendwann mit sich und der Welt völlig überfordert. Das sorgt dann für Instabilitäten und psychische Erkrankungen. Das gilt aber eigentlich generell. Wenn man mit sich nicht im Einklang ist, wird man schnell instabil.

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